Am 9. Dezember ab 22.30 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) – „Wir sind Auto“. Verstopfte Straßen, Staus in den Einfahrtsrouten der Städte machen das täglich deutlich. „Nerven sparen, Öffi fahren“, dieser Slogan entspricht auch nicht immer der Realität des Pendlerlebens. Zu große Intervalle in der Fahrplangestaltung, zu weite Anfahrtswege zu Bahnhöfen oder Bushaltestellen, aber auch zu geringe Parkmöglichkeiten bei Bahn oder Busterminals erschweren den Umstieg. Verkehr betrifft jeden. Und viele haben spezielle, einander oft widersprechende Wünsche:
Autofahrer, Wirtschaft, Parteien, Bund, Länder oder Gemeinden. Verkehrsplanung ist nicht selten auch politisches Prestigeobjekt, eine Messlatte für die Durchsetzungskraft von Lokal- und Landespolitikern. Gibt es überhaupt Lösungen für dieses Dilemma? Das untersucht Wolfgang Stickler in seiner „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Wir sind Auto“ am Mittwoch, dem 9. Dezember 2015, um 22.30 Uhr in ORF 2. Im „WELTjournal +“ folgt um 23.25 Uhr die Dokumentation „Elektromobilität – Wunderauto gesucht“.

Menschen & Mächte: „Wir sind Auto“

Die geballte Blechlawine, die auf breiten Asphaltbändern die Natur zerschneidet und Städte verparkt, belastet das Lebensumfeld des Menschen in höchstem Maße. Nach wie vor legen die Österreicher 80 Prozent der jährlich gefahrenen Kilometer mit dem Auto zurück. Die freie Fahrt der freien Bürger hinterlässt einen gewaltigen ökologischen Fußabdruck, der noch auf unseren Enkeln lasten wird. Der motorisierte Individualverkehr verschlingt Unmengen an Ressourcen und fossiler Energie – nicht nur für den Betrieb der Fahrzeuge, auch für deren Herstellung und die Infrastruktur der Straßen.

Seit den 1980er Jahren wird unter dem Slogan „Vermeiden, verhindern, verlagern“ das Zurückdrängen des Autos zugunsten des öffentlichen Verkehrs propagiert. Trotzdem stehen wir bis heute im Stau. Steuert unsere Gesellschaft direkt in den Verkehrsinfarkt oder gelingt es, die Kurve in Richtung eines nachhaltigen Mobilitätsverhaltens mit deutlich geringerem CO2-Ausstoß zu nehmen? Diesen Fragen geht ORF-Dokumentarfilmer Wolfgang Stickler in der Dokumentation nach.

Dampflokomotiven und Eisenbahn sollten die bisher auf Pferde, Kutschen und Ochsenkarren reduzierte Mobilität der Menschen wesentlich erweitern. Sie legten „Geschwindigkeitsschneisen“ durchs Land, die einen völligen Wandel des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems nach sich zogen. Mit der Industriellen Revolution driftete die ursprüngliche Einheit von Arbeit, Wohnen, Einkaufen und Erholen auseinander, die räumliche Distanz zwischen den verschiedenen Lebensbereichen wuchs. Die Erfindung des Autos und dessen rasante technische Entwicklung beschleunigte diese Tendenz noch mehr. Es individualisierte die Mobilität, befreite Mensch und Industrie von der Gebundenheit an Schiene und Fahrpläne. Zeit und Beweglichkeit werden zu den wichtigsten Indikatoren für Wirtschaftsaufschwung und Wirtschaftswachstum.

Nach dem Motto „schneller, flüssiger, ungebundener“ wurde ab den 1950er Jahren das Straßennetzwerk immer dichter und leistungsfähiger ausgebaut. Damit entstanden aber auch die Speckgürtel rund um die Städte. Einfamilienhaussiedlungen wurden „aus den Feldern gestampft“. Shoppingcenter ahmten draußen vor der Stadt die urbanen Einkaufsboulevards nach. Bau- und Großmärkte, Erlebnistankstellen, Gewerbe- und Industrieparks erblühten auf ehemals grünen Wiesen. Für die kleinteilige Wirtschaft in den Ortskernen begannen die Totenglöckchen immer lauter zu läuten. Eine wunderbare moderne Welt entstand, die einen Nachteil hatte: Sie war ohne Auto meist unerreichbar. „Die Bereitstellung der Infrastruktur fürs Auto kostet den Gemeinden viel Geld und wird durch die Zersiedelung aber noch teurer“, meint Sibylla Zech, Raumplanerin TU, Wien.

Ob in die Wiener Shopping City oder ins Outlet-Center Parndorf: Heute gibt es zwar Busverbindungen dorthin, doch mit viel Einkaufsgepäck ist das Auto nach wie vor die bedeutend praktischere Transportalternative. Trotz milliardenschwerer Investitionen können Bahn, Bus und Straßenbahn dem bis heute wenig entgegenhalten – trotz wachsender Fahrgastzahlen. Unsere moderne, unter Dauerstress und Mobilitätszwang stehende Gesellschaft denkt und wirtschaftet „nutzenoptimiert“, orientiert ihre Bedürfnisse – und Ansprüche – nach den Möglichkeiten des Autos. Unsere Wohlstands- und Wachstumsgesellschaft funktioniert nur mit einem Höchstmaß an individueller motorisierter Mobilität.

Jede grundlegende Änderung im Verkehrswesen bringt auch Veränderungen im gesellschaftlichen System mit sich. Lobbypolitik, institutionelle Egoismen und Interessenkonflikte ersticken Kurskorrekturen oft im Keim: Der Föderalismus erschwert die übergeordnete und einheitliche Verkehrsplanung, der Finanzausgleich fördert die Zersiedelung. Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde, Wirtschaft und Interessenvertretungen, Parteien, Länder, Bund und EU betreiben Verkehrspolitik im Sinne ihrer Klientel und zementieren damit den Status quo. „Verkehrspolitik wird großteils als Infrastrukturausbau verstanden. Vieles könnte man gesamtwirtschaftlich preiswerter machen“, meint Gerd Sammer vom Institut für Verkehrswesen an der BOKU Wien.

Verkehrspolitik ist auch Sozialpolitik. Vorschläge wie etwa den Benzinpreis recht drastisch anzuheben könnten zwar weitere Investitionen in den öffentlichen Verkehr bringen, sie sind politisch jedoch nicht durchsetzbar, denn gesteigerte finanzielle Belastungen will die Politik vor allem Menschen mit geringerem Einkommen, die noch dazu auf das Auto angewiesen sind, sozialpolitisch nicht zumuten. Zudem sind Autofahrer eine große Wählerklientel, mit der man es sich nicht verscherzen will. Daher scheint die Kostenwahrheit im Sinne des Verursacherprinzips recht unrealistisch. Wie kann es in Zukunft besser werden, um die Probleme zu lösen? Etwa durch ein sinnvolles Miteinander und nicht gegeneinander aller Verkehrsträger? Davon scheinen wir jedoch noch weit entfernt zu sein.

WELTjournal +: „Elektromobilität – Wunderauto gesucht“

In den Großstädten nimmt der Autoverkehr stetig zu – und mit ihm die Feinstaubbelastung, die besonders im drückenden Wintertief zur gesundheitsschädlichen Alltagsplage geworden ist. Elektroautos gelten als Lösung der drängendsten Umwelt- und Verkehrsprobleme, doch ihre Reichweite ist immer noch gering. Als essenzieller Rohstoff für speicherstarke Batterien wird Lithium gehandelt, ein Leichtmetall, das auch für die Akkus von Smartphones und Laptops verwendet wird. Mobilitätsstrategen sehen es als maßgebenden Rohstoff der Zukunft.

„WELTjournal +“ zeigt drei globale Mitstreiter der angestrebten Lithium-Revolution: Bolivien in Südamerika, wo der wertvolle Rohstoff an Salzseen abgebaut wird, China, das auf die großflächige Umstellung auf Elektroautos setzt, und Europa, wo langsam Starkstrom-Tankstellen für Elektrobatterien entstehen, damit den Wunderautos nicht zu schnell der Saft ausgeht.

Beide Sendungen sind auf der Video-Plattform ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) – vorbehaltlich vorhandener Online-Lizenzrechte – als Livestream sowie nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar.

Das gesamte TV-Angebot des ORF – ORF eins, ORF 2, ORF III sowie ORF SPORT + – ist auch im HD-Standard zu empfangen. Alle Informationen zum ORF-HD-Empfang und zur Einstellung der neuen HD-Angebote finden sich auf der Website hd.ORF.at, die ORF-Service-Hotline 0800 / 090 010 gibt kostenfrei aus ganz Österreich persönliche Hilfestellung.

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